Wie lange können Sie 85 dB hören?
Warum die Antwort bei 85 dB vom Kontext abhängt, welche Wochenzeit die WHO für Freizeit nennt und was 85 dB(A) im deutschen Arbeitsschutz auslösen.
Für Freizeit und persönliches Musikhören nennt die WHO bei einem durchschnittlichen Pegel von 85 dB eine Referenzzeit von 12 Stunden 30 Minuten pro Woche. Am Arbeitsplatz hat 85 dB(A) eine andere Bedeutung: Als Tages-Lärmexpositionspegel erreicht der Wert in Deutschland den oberen Auslösewert der LärmVibrationsArbSchV. WHO LärmVibrationsArbSchV
Eine einzige “sichere Zeit” gibt es daher nicht. Entscheidend sind Messgröße, Zeitraum und Anwendungsbereich. 85 dB als kurzer Momentanwert, 85 dB als LAeq eines Konzerts und 85 dB(A) als auf acht Stunden bezogener Arbeitsplatzwert beschreiben drei verschiedene Situationen.
Welcher Dezibelwert ist sicher?
Die praktische Antwort für Freizeit
Die WHO verwendet für Erwachsene eine wöchentliche Schallmenge. Der Referenzpunkt liegt bei 80 dB über 40 Stunden pro Woche. Mit einer 3-dB-Energiebeziehung sinkt die mögliche Zeit bei steigenden Pegeln schnell. Die veröffentlichte Tabelle nennt bei 85 dB 12 Stunden 30 Minuten pro Woche. WHO
| Durchschnittlicher Pegel | WHO-Referenzzeit pro Woche |
|---|---|
| 80 dB | 40 Stunden |
| 85 dB | 12 Stunden 30 Minuten |
| 90 dB | 4 Stunden |
| 95 dB | 1 Stunde 15 Minuten |
| 100 dB | 20 Minuten |
| 105 dB | 8 Minuten |
| 110 dB | 2 Minuten 30 Sekunden |
Diese Werte beziehen sich auf den durchschnittlichen Pegel über die jeweilige Hörzeit. Ein kurzer Spitzenwert von 100 dB bedeutet nicht automatisch, dass die gesamte Veranstaltung mit 100 dB anzusetzen ist. Umgekehrt kann eine Anzeige von durchschnittlich 85 dB deutlich lautere Abschnitte enthalten.
Die WHO-Tabelle ist eine bevölkerungsbezogene Empfehlung. Sie garantiert nicht, dass eine konkrete Person die angegebene Zeit ohne Beschwerden oder Hörveränderung verträgt.
Warum 85 dB(A) am Arbeitsplatz anders behandelt werden
In Deutschland liegt der obere Auslösewert für den Tages-Lärmexpositionspegel bei LEX,8h = 85 dB(A). Er bezieht sich auf eine Achtstundenschicht und umfasst alle relevanten Schallereignisse am Arbeitsplatz. LärmVibrationsArbSchV
Erreicht oder überschreitet die Exposition diesen Wert, muss der Arbeitgeber unter anderem dafür sorgen, dass geeigneter Gehörschutz bestimmungsgemäß verwendet wird. Arbeitsbereiche können als Lärmbereiche zu kennzeichnen und abzugrenzen sein. Zusätzlich ist ein Programm mit technischen und organisatorischen Maßnahmen zur Verringerung der Exposition erforderlich.
Die Formulierung “85 dB(A) sind acht Stunden erlaubt” wäre deshalb irreführend. Der Wert markiert eine rechtliche Handlungsschwelle. Er ist keine Empfehlung, die gesamte Schicht bis genau zu diesem Pegel auszuschöpfen.
Lärmexpositionsgrenzen in Deutschland und der EU
Die 3-dB-Regel hinter den Zeiten
Unter einem energieäquivalenten Modell halbiert jede Erhöhung um 3 dB die Zeit bis zur gleichen Schallmenge. Ausgehend von 85 dB(A) über acht Stunden ergeben sich folgende rechnerische Kombinationen:
| Pegel | Energieäquivalente Zeit zu 85 dB(A) über 8 Stunden |
|---|---|
| 85 dB(A) | 8 Stunden |
| 88 dB(A) | 4 Stunden |
| 91 dB(A) | 2 Stunden |
| 94 dB(A) | 1 Stunde |
| 97 dB(A) | 30 Minuten |
| 100 dB(A) | 15 Minuten |
| 103 dB(A) | 7 Minuten 30 Sekunden |
| 106 dB(A) | 3 Minuten 45 Sekunden |
Die DGUV beschreibt diesen Zusammenhang über energieäquivalente Expositionen. Wird die Einwirkungsdauer halbiert, kann der Pegel rechnerisch um 3 dB steigen, ohne dass sich die Schallenergie der Kombination ändert. DGUV
Das ist Physik, keine persönliche Unbedenklichkeitsgarantie. Besonders bei hohen Pegeln wächst der Einfluss kleiner Messfehler. Zeigt ein Smartphone 100 statt tatsächlich 103 dB(A), verdoppelt es die berechnete Zeit von 7 Minuten 30 Sekunden auf 15 Minuten.
Wie mehrere laute Abschnitte addiert werden
Ein Konzert am Abend beginnt nicht bei null, wenn der Tag bereits eine laute Arbeitsschicht, Verkehrslärm und Kopfhörer umfasst hat. Mehrere Abschnitte lassen sich als Anteile einer Referenzmenge addieren.
Bei einem Acht-Stunden-Modell mit 85 dB(A) als Bezug ergeben beispielsweise zwei Stunden bei 88 dB(A) die Hälfte der Referenz. Eine weitere Stunde bei 91 dB(A) liefert die andere Hälfte. Zusammen ist die Bezugsmengen vollständig erreicht.
Die allgemeine Formel lautet:
[ D=100\left(\frac{C_1}{T_1}+\frac{C_2}{T_2}+\cdots+\frac{C_n}{T_n}\right) ]
C ist die tatsächliche Zeit, T die Referenzdauer des jeweiligen Pegels. Das Ergebnis hängt vom gewählten Tages- oder Wochenmodell ab.
Ein Momentanwert reicht nicht
Ein dB-Meter auf dem Smartphone zeigt häufig einen schnell wechselnden Live-Wert. Für eine Zeitabschätzung ist ein repräsentativer energieäquivalenter Mittelwert wie LAeq aussagekräftiger.
Ein Beispiel: Während einer zweistündigen Veranstaltung schwankt die Anzeige zwischen 78 und 101 dB(A). Der Maximalwert von 101 dB(A) beschreibt nur den höchsten erfassten Abschnitt. Er darf nicht als durchschnittlicher Pegel für zwei Stunden verwendet werden. Der arithmetische Mittelwert der sichtbaren Zahlen wäre ebenfalls falsch, weil Dezibel logarithmisch sind.
Benötigt wird ein energiebezogener Mittelwert über die tatsächliche Aufenthaltsdauer. Für den Arbeitsplatz kommt die Umrechnung auf LEX,8h hinzu.
Warum die Tabelle keine persönliche Garantie ist
Mehrere Punkte verhindern eine exakte Vorhersage für eine einzelne Person:
- Menschen reagieren unterschiedlich auf dieselbe Schallbelastung.
- Frühere Expositionen und fehlende Ruhephasen wirken mit.
- Zwei Geräusche mit gleichem dB(A)-Wert können verschiedene Frequenzspektren haben.
- Sehr kurze Impulse werden durch einen Mittelwert nur unvollständig beschrieben.
- Gehörschutz wirkt nur bei passender Auswahl und korrektem Sitz.
- Smartphone-Messungen können bei hohen Pegeln übersteuern.
Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass sowohl anhaltend hoher Dauerschall als auch kurze hohe Spitzen das Gehör dauerhaft schädigen können. Musikveranstaltungen erreichen nach dort genannten Stichproben 90 bis 110 dB(A). Umweltbundesamt
Der vernünftige Umgang mit einer Zeittabelle besteht nicht darin, jede Minute auszureizen. Bei unsicherer Messung sollte die Exposition früher reduziert werden.
Impulsschall braucht eine andere Vorsicht
Feuerwerk, Schüsse, Explosionen und harte Metallimpulse steigen sehr schnell an. Eine energieäquivalente Zeitberechnung kann den Tagesbeitrag darstellen, erfasst aber die Gefährdung durch den Spitzenwert nicht vollständig.
Die LärmVibrationsArbSchV nennt eigene C-bewertete Spitzenwerte von 135 und 137 dB(C). Ein einzelnes Ereignis kann für die Arbeitsschutzbewertung relevant sein, auch wenn der Acht-Stunden-Mittelwert niedriger bleibt. LärmVibrationsArbSchV
Ein normales Handy kann solche Spitzen komprimieren oder ganz verfehlen. Gehen Sie nicht näher an eine impulsartige Quelle heran, um einen höheren Messwert zu erhalten.
Kopfhörer und Umgebungsmessung sind nicht identisch
Eine App, die das Umgebungsmikrofon nutzt, misst nicht automatisch den Pegel am Trommelfell unter einem Kopfhörer. Der tatsächliche In-Ear-Pegel hängt von Kopfhörer, Sitz, Ausgangsleistung, Signal und Lautstärkeeinstellung ab.
Manche Betriebssysteme und Audiogeräte schätzen die persönliche Kopfhörerexposition aus dem digitalen Ausgangssignal und hinterlegten Geräteeigenschaften. Diese Werte sind für das Hören mit dem jeweiligen Gerät meist geeigneter als ein Smartphone, das neben dem Ohr auf dem Tisch liegt.
Bei Lautsprechern, Werkzeugen oder Verkehr erfasst die Umgebungsmessung dagegen den Pegel am Mikrofonstandort. Position und Abstand sollten der tatsächlichen Hörposition entsprechen.
So wird eine brauchbare Zeitabschätzung erstellt
- Verwenden Sie einen A-bewerteten energieäquivalenten Mittelwert über einen repräsentativen Zeitraum.
- Notieren Sie Messdauer, Abstand, Position und Betriebszustand der Quelle.
- Wählen Sie das passende Modell: WHO-Woche für Freizeit oder deutsche Arbeitsschutzwerte für Beschäftigte.
- Rechnen Sie weitere laute Abschnitte desselben Tages oder derselben Woche mit ein.
- Planen Sie Reserve für Messunsicherheit ein.
Ein Wert nahe an einer Grenze sollte keine Scheingenauigkeit erzeugen. Bei betrieblichen Pflichten, Gehörschutzauswahl oder sehr hohen Pegeln ist eine fachkundige Messung erforderlich.
Mit dBcheck Pegel und Dauer gemeinsam betrachten
dBcheck kann einen Messverlauf und einen geschätzten energieäquivalenten Pegel über eine Sitzung anzeigen. Nutzen Sie nicht nur den höchsten Live-Wert, sondern eine ausreichend lange Messung. Prüfen Sie außerdem, ob die App einen Tages- oder Wochenbezug verwendet. Die Berechnung verbessert keine fehlerhafte oder übersteuerte Mikrofonaufnahme.
Sind Dezibel-Apps genau? Was Smartphone-Messungen wirklich taugen
Quellen
- World Health Organization, Deafness and hearing loss: Safe listening. https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/deafness-and-hearing-loss-safe-listening
- World Health Organization and ITU, Safe listening devices and systems. https://www.who.int/publications/i/item/9789241515276
- Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung. https://www.gesetze-im-internet.de/l_rmvibrationsarbschv/
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Handbuch Gefährdungsbeurteilung: Lärm. https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung/Gefaehrdungsbeurteilung/Handbuch-Gefaehrdungsbeurteilung/Expertenwissen/Physikalische-Einwirkungen/Laerm/Laerm_dossier
- Umweltbundesamt, Gehörschäden. https://www.umweltbundesamt.de/themen/laerm/laermwirkungen/gehoerschaeden
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Die Effektive Lärmdosis. https://www.dguv.de/medien/ifa/de/pub/grl/pdf/2013_052.pdf